Tschühüss dunkles Loch

Ich sitze hoffentlich flohfrei – habe ich mich auch wirklich genug durchgeschüttelt beim rausgehen – mit den Kindern im Auto. Die kontaminierte Wäsche müssen wir im neuen Heim direkt in Plastiksäcken versiegeln. Das Auto ist bis oben vollgepackt, eine Fahrt nur. Reiner macht Fotos von der sauberen Rotzbude und schiebt das Bett an die richtige Stelle. Wir hatten es an die Wand gestellt, damit wir dort alle schlafen konnten. Gleich macht er die Übergabe. Eben hat Reiner ein paar Turnschuhe versteckt oben im Baum hängen gefunden, direkt der vor unserer Rotzbude. War mit dem Hausgeist wohl ziemlich nah dran, Schuhe so drapiert, bedeutet hier in den USA nicht wie in Berlin Straßenkunst, sondern Mord. Angeblich. Ich bin jedenfalls mit den Kids im rollenden heimeligen Nest, hier ist alles rosarot und schön!Ich höre wie sie kommt, glotze bewusst nur Milan und den Rasselpiraten an. Der Teller mit der Flohsuppe steht neben der Spüle. Hoffentlich kommt Reiner da schnell und als Mensch wieder raus.

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Waschsalon die Letzte

  
Mal wieder und ein letztes Mal in diesem Waschsalon. Bettwäsche und Handtücher waschen, die wir in Ermangelung an Putzlappen nicht nur zum schlafen, sondern auch zum putzen benutzt haben. Wie wahrscheinlich alle vor uns…weil die Herrin der Fliegen macht es ja schlau und hat noch, ich glaube, 590€ Kaution von uns. Also machen wir brav „sauber“ und ich wasche. Mit Milan diesmal alleine. Malea und Reiner sind beim Storytelling in der Bibliothek. Eine ganz, ganz dicke schwarze Soulmama, singt Kinderlieder, tanzt und liest Bücher vor. Die ist der Oberknaller! Busen, Bauch und Beine schwingen bei jedem Lied rhythmisch nach links und rechts und oben und
unten. Die Dame hat rund 50 Kinder zwischen 1-5 Jahren und deren Nannies für 30 Minuten voll im Griff. Ich quetsche stets auf 30x30cm Platz auf dem Fußboden zwischen Kindern, noch mehr Kindern, Spielzeug, Büchern und noch mehr Kindern. Ich bin jedesmal wieder verblüfft wie sie alle Aufmerksamkeit auf sich sammelt. Reiner hat leider einen Tag erwischt, an dem Michelle ausfällt. Nicht nur Malea dreht durch. Revolte bei allen Kindern! Nannies verzweifeln. Fangen in der einen Ecke selbst an zu singen, während die Vertreterin sich noch am Vorlesen der Bücher festklammert. Revolte bei den Nannies. Malea will einen Schnuller. Reiner hat keinen dabei. Revolte bei Malea. Michelles Vertretung ist völlig überfordert von all der Revolte. Das entnehme ich den Textnachrichten auf meinem Handy.
Ich stiere währenddessen im friedlichen Waschsalon auf die sich drehende Waschmaschine. 

Versteckt

Malea brüllt lispelnd Milan an: „Leithe leithe leithe. Gleith gethafft.“ Milan: „Brüll brüll.“ Milan hat Hunger, Malea brüllt erst, dann singt sie dagegen an. „Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh, Aprikothe in der Hothe, happy Birthday to you.“
Ich versuche derweil zur Rush Hour in San Francisco Auto zu fahren und den Spielplatz im Golden Gate Park anzusteuern. Bzw. erst japanischer Garten, dann Spielplatz, erst egoistisch Mamaspaß, dann Kinderspaß. So, da ist der Park. Hier auf die Schnelle kein Parkplatz. Aber auf der anderen dem Park zugewandten Straßenseite. Schild, U-Turn verboten, wieder dasgleiche Schild an der nächsten Kreuzung, an der nächsten usw.. Ich biege nach rechts ab, anders versuchen. Ich darf nur nach rechts fahren. Ich will aber links! Muss wohl weiter fahren. Gut, japanischer Garten ein anderes mal. Fahr ich Richtung Spielplatz weiter, kann sowieso nicht anders als geradeaus fahren. (Brüll Brüll, Maaaaarmelaaade im Schuuuuh) So vergehen Kilometer um Kilometer. Ich schaffe es einmal weit hinter dem Golden Gate Park nach links abzubiegen, ein weiteres Mal links abbiegen, um zurück zu kommen, bleibt mir verwehrt. Was? Schon wieder der nächste Bezirk. Der Park in weiter Ferne, ich kann ausschließlich geradeaus, links abbiegen zwischen 4 und 9pm mo bis fr verboten. Ich gucke auf die Anzeige. Es ist 4.06pm, heute ist Dienstag. Die haben doch nen Knall. Ich darf in dieser Stadt nur geradeaus fahren. Können die Amis nur in eine Richtung fahren? Und ich muss demnächst wahrscheinlich noch eine Führerscheinprüfung hier machen?!Soll ich dann geradeaus fahren und an jeder Kreuzung stoppen, da es hier nur Stopp und keine Vorfahrt gibt. Hausgemachte Rush Hour ist das. Und wegen den Bekloppten brüllt jetzt mein Baby, Riesenbaby, hmm kleiner bis mittelgroßer Junge.

Für einen Parkplatz Nähe des Spielplatzes bin ich durch drei Bezirke rund 45 min. Umweg gefahren, fast ausschließlich geradeaus. Milan schnappt vor lauter Gebrüll schon nach Luft. Vom Strand bis zum Spielplatz hatte ich ursprünglich 8min. kalkuliert. Der Arme. Ich springe also als weißer Superheld aus dem Auto. Weiße Hose trage ich wegen der Flöhe, da kann ich mich nach Verlassen des Hauses prima absuchen. Gute Energien anziehen sowieso. Der Verkehr donnert an mir vorbei. Ich schnappe den Jungen und springe auf den Beifahrersitz mit schon halb entblößter Brust, Superheldenmama halt, da flattern statt dem Cape die Stilleinlagen im Wind. Aaaahhhh, angedockt und Ruhe macht sich breit. Entspannung. Bei allen, Malea liest ein Buch, Milan schmatzt, ich mache es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Gucke raus, Sonne, schön.

Was ist denn da so kalt an meinem Hintern? Wasser verschüttet? Irgendetwas matscht durch meine weiße Superheldenhose. Kalt, nass. Ohhhhneiiiin.

Klar habe ich mich in die überreife Banane gesetzt. Die hatte sich unter Klamotten versteckt. Also kein Nachmittagssnack für mich. Die Hose erst heute früh gewaschen, mein einziger Flohschutzanzug, den ich momentan Tag und Nacht – nachts zusätzlich ergänzt mit Kniestrümpfen – trage. Mist. Bananenpüree am Hintern. Mit guten Energien. Immerhin.

Das Auto ist zum Wohnmobil umfunktioniert. Der Kleiderschrank von vier Personen, Spielsachen, Bücher, leere Wasserkanister zum Wiederbefüllen, der Kinderwagen, alles im rollenden Wohnhaus. Total praktisch, deshalb ist ja überhaupt ein Spontanausflug nach San Francisco zum Strand und zum Golden Gate Park möglich. Deshalb muss Milan aber leider auch recht unliebsam geparkt werden, während ich mich umziehe und der Beifahrersitz bananenverschmiert ist.  

Malea hat sich währenddessen das Wasser aus dem coolen Trinkbecher für die Großen komplett übergeschüttet. Bis ich für uns beide aus den ungeordneten Kleidersäcken, die größtenteils unterm Kinderwagen stecken, Klamotten zusammengefischt, Milan nochmal gewickelt habe…insgesamt haben wir eine Stunde für den Abmarsch gebraucht. Plus die Dreiviertelstunde Fahrtumweg, nicht schlecht für geplante 8min..

Dann sind Milan, Malea und ich nochmal eine weitere Stunde im Park spazieren gegangen. Äh eigentlich habe ich mich verlaufen, natürlich. Viel zu viele in die Irre führende Wege. Verschlungen, einfach unübersichtlich. Ich versuche Malea zu erklären, dass ich den Spielplatz wahrscheinlich nicht finde und dass mir das wirklich sehr Leid tut. Dann streichelt das großartige Mädchen mir über den Kopf und lispelt „Pielplatz hat the verdeckt (der Spielplatz hat sich versteckt).“ Ja so ist es. Sie erklärt mir die Welt und alles macht für mich auf einmal Sinn! Ich bin nicht orientierungslos und finde Orte nicht, sondern alles ist im Raum-Zeit-Fluss und versteckt sich vor mir. Glasklar!

Auf unseren Irrwegen begegnen wir einer wundervollen Altherrentruppe, die mit Mikro, Trommeln, E-Gitarre usw. tolle Musik zwischen bunten Blumen spielen. Einen Irrweg weiter schauen wir uns hippe Rollschuhfahrer an, die zu Oldschool Hip Hop aus einer großen mobilen Anlage, Pirouetten drehen.

Dann geschah das Wunder: ein Funke Raum-Zeit-Orientierung hat sich zu mir verirrt und 20min. hatten wir noch Zeit: 

Das letzte Abendmahl

Waschen waschen waschen trocknen gefrieren trocknen, in Plastiksäcken luftdicht isolieren, ins Auto stapeln. Wieder waschen waschen trocknen gefrieren. Im Waschsalon werde ich schon freundlichst gegrüßt, ich kenne mittlerweile die einzelnen Waschtage der Kunden. Werde mit „bis bald“ verabschiedet. Ich liebe es dort! Riesige Waschmaschinen, riesige Trockner, es ist ein Schlaraffenland des Waschens! Es gibt einen Snackautomaten, einen Fernseher, nette Menschen, alles da, was man braucht.Waschen trocknen trocknen gefrieren. Puppen, Schmetterlinge, Affen, Kühe, alles kommt in den Schrank des Frosttodes. Jeder Floh, der den Tod im Spüliwasser findet, wird zeremoniell gefeiert. Das HOCHgiftige Stechmückengift ist gar wunderbar. Die Stunden und Taten werden glücklich rückwärts gezählt: noch 26 Stunden, das war das letzte Mal Brot backen, das vorletzte Mal duschen, nur noch eine Nacht. Alle Bilder sind abgehangen und entsorgt, ebenso das Hickelhäuschen vom Boden gepiddelt. Jetzt kommt’s nämlich: Morgen ist dafür keine Zeit, weil wir die Betten und Handtücher waschen, die Betten beziehen und alles wieder so hinterlassen sollen, wie wir es vorgefunden haben. 

!!!???!!!

Wutanfall, Migräne oder hysterisches Lachen? Egal. Alles egal. Ich will diese Pest übertragende Vogelscheuche nicht mehr sehen und nicht mehr sprechen, es ist schlichtweg nicht dienlich zu meinem Seelenheil und meine flohfreigefrorene Kleidung. Außerdem stinkt sie wie ein verrottendes Moor (und ich habe ja eine nichts riechende Nase, ich möchte gar nicht wissen, wie die Menschen in der Supermarktschlange hinter ihr leiden). Und ich will ihr gar keine Chance geben, dass sie sagt „Ohhhh sorry, das kommt hier in der Gegend schonmal vor, Kammerjäger und dann ist alles in Ordnung.“ Ist aber eh unwahrscheinlich. Der Schimmel in der Bettwäsche wurde gar nicht kommentiert. Die Mäuse-AA auf dem Tisch waren ja auch nur „Körner“. Diesen Tisch haben wir die erste Woche komplett gemieden, jetzt ist es die einzige vermeintlich erhabene Flohschutzburg, auf der alles gemacht wird: gegessen, gewickelt, Wäsche gelagert. Ein so schöner Tisch, das schönste Möbelstück hier.  

Eben haben wir freudig erregt unser letztes Abendmahl zu uns genommen, bevor es dann direkt und ohne Umweg Richtung Himmel geht!

Morgen schweben wir weiß gekleidet ans Licht und bestaunen leuchtende Engel am Straßenrand, die uns den Weg aus dem dunklen Loch mit einem klaren hellen Aaaahaaaaaa besingen. Das ist doch herrlich!!!

Roadtrip durch den Golden State

Allein durch diese wunderschöne Landschaft zu fahren ist traumhaft! Die Kinder haben es sich zu unserer Begeisterung überlegt, mal friedlich im Auto zu sein! Manchmal sogar amerikanische Kinderlieder zusammen mit mir singend – wie in einem Werbespot! Die Sonne scheint, das Auto rollt, es sind 20l Trinkwasser und frisch gebackenes Brot im Auto, wir sind glücklich und besprechen Wanderwege.Fahren durch golden gefärbte Hügellandschaften mit skurrilen Felsen, kargen Bäumen uuuund einem Kojoten!!!! Ich hab ihn entdeckt!

Ewig lange gerade Straßen, dann wirklich wie im Fernsehen eine Kreuzung, vier Stopschilder, man bleibt stehen (kostet sonst 200$ Strafe), sieht, wie schon hunderte Meter vorher beim Anfahren, das hier kein Schwein ist, fährt weiter. Kurzer Zwischenstopp zum Check In in unserer Unterkunft, dort der Vorschlag „Mietet doch ein Fahrrad mit Anhänger im Nationalpark“. Boa, super Idee. Noch extragroße HOCHgiftige Antistechmückenflasche (Reiners Mund wurde aufgrund eines Kusses auf meine eingesprühte Schulter, wegen Herpes der Ausweichkussort, komplett taub!) für unseren Weg ans Wasser gekauft. Und los geht’s!

Im Park nach ca. 45 min. angekommen, keinen Eintritt bezahlt, weil ich bin ja auf Sparkurs und habe den Freien-Nationalpark-Tag als Ausflugstag gewählt. Die Fahrräder sollen dann aber für zwei Stunden 65$ kosten, ohne Helme, sonst 80$. Wie gewohnt gibt es auch hier wieder zig kalifornische Regularien, Verbote und Strafen (die Kinder im Anhänger müssen mindestens ein Jahr alt sein, auf einem Fahrrad darf nur eine Person fahren – Milan, der sonst überall den Unsichtbaren macht, ist hier eine volle Person – usw. usw.). Wir haben eine Stunde verplempert und fahren ohne Fahrräder weiter. Diesmal Kinder seit über einer Woche wieder über die Fenster eingeladen…klar, geht ausgerechnet jetzt keine Tür und kein Tankdeckel auf. Halbvoller Tank…reicht nicht, um morgen nochmal hierher zu fahren, vielleicht grade noch so bis zum dunklen Loch – ohne Stau und ohne Klimaanlage.

Egal erstmal. Können es eh nicht ändern. Wir machen den Wanderweg zum Mirror Lake – Spiegelsee. Da sollen sich neben der sonst phantastischen Landschaft auch der half dome, DAS Wahrzeichen des Parks drin spiegeln, spektakulär. 

Laufen über Stock und Stein mit Sack und Pack dorthin. See ist ausgetrocknet. Wüste. Nix, kein Pfützchen, kein Spiegel. Ein Besucher erzählt schockiert, er komme seit 25 Jahren hierher, hat er noch nie so gesehen. Am nächsten Tag haben wir das gleiche mit einem Wasserfall erlebt: ein Rinnsal in etwa so groß wie die Suppe, die aus unserem Klo tropft.

  
Neben diesen Widrigkeiten, an die wir uns doch nun schon wirklich längst gewöhnt haben, war es einfach herrlich! Riesige Bäume, knallblaue Vögel, Rehe, Strand, Sonne, Gott sei Dank kein Bär. Am Ende des Tages leckeres Abendessen, bezahlbares Bier für Reiner in rauen Mengen, Lagerfeuer und Gitarre (!!!!) mit so ner Art Cookie-Pfadfinder-Mädels und einigen anderen Bierkonsumenten. Soooo idyllisch. Alle ums Feuer auf Baumklötze gehockt und gesungen. Unsere Kinder sind bei amerikanischen Gitarrensongs ins Lagerfeuer guckend eingeschlafen. Wir sind wenig später in weißen großen Betten, sauber, duftend, perfekte Matratze, mit Vorfreude auf die flauschig-weißen Handtücher zum Duschen morgen auch schnell eingeschlummert.

Auch wenn Milan gerade einen Wachstums-/Entwicklungsschub macht und wirklich alle 60-90 min. mit riesem Tramtram gestillt werden wollte, ich vom Wasser- und Vitaminmangel am Morgen mit aufgesprungen Strichlippen aufstehe (nicht aufwache, ich war ja wach), hatte ich die mit Abstand beste Nacht seit unserer Ankunft in den USA.

Hätte ich gewusst, das am Morgen auf wundersame Weise der Tankdeckel plötzlich wieder aufgeht, hätte ich keinen Grund gesehen, diesen wohligen Betthimmel zu verlassen.

Der Strandtag für Malea und unsere Tiefenentspannung war so gesichert: